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Donnerstag, der 28. Mai 2015

Eine Nacht auf dem Osterzgebirge

Wir waren am Wochenende mal wieder unterwegs. Wollten kurzfristig draußen pennen und peilten die Loučna an, einen meiner Lieblingsberge. Mit 955,9 Metern über dem Meer das Dach des Osterzgebirges.
Eine Tour mit nur einer Übernachtung unter freiem Himmel (wahlweise auch in einer Boofe oder Schutzhütte) erfordert kaum mehr Planung, Vorbereitung und Aufwand als eine einfache Tagestour. Ein kurzer Blick in die Wettervorhersage, ein bisschen mehr zu Essen eingepackt als sonst, dazu noch ne Penntüte und ne Isomatte und schon konnte es am Samstagnachmittag losgehen. Mit dem Zug nach Altenberg hoch. Von da durchs Hochmoor zum Pramenač. Noch einer meiner Lieblingsberge. Und ein hervorragender Platz um beim Blick ins Böhmische etwas Pausenkultur zu pflegen.

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Wollgras Ahoj! (Bild auf Flickr)

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Felsenbezwinger (Bild auf Flickr)

Vom Pramenač aus gibt es einige Abfahrten ins Tal. Teils wurden diese offenbar für ein jährlich stattfindendes Enduro-Rennen angelegt. Jedenfalls hatten wir da in der Vergangenheit auch schon Flatterband gesehen. Wir fuhren nur den oberen teil der Abfahrt bis zum Fahrweg zur Mikulaška. Für eine komplette Talfahrt fehlte die Zeit. Es war schon halb sieben und wir wollten möglichst im hellen auf der Loučna ankommen und vorher noch einkehren.

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FlowerBoy (Bild auf Flickr)

Also machten wir etwas Strecke. Durch Nove Město über die Don-Quijote-Gedächtnis-Traverse zum Vrch Tři Panu. Von da wäre ich gerne nach Norden in den Sumpf der jungen Flöha gefahren, aber ob der Uhrzeit nahmen wir direkten Kurs auf Dlouha Louka. Der Weg rollte und wurde nur durch zwei Wildbegegnungen unterbrochen. Ein kurzes, dumpfes Gallopieren im Wald und wenige Meter vor mir schoss eine Hirschkuh über den weg. Offenbar alleine. Kommt vor. Ein paar Minuten weiter ein Knistern und Rascheln, direkt rechts vor mir auf einer Lichtung. Und eh ich’s realisiere, stürmt eine komplette Rotte Wildschweine los, inklusive Nachwuchs. Glücklicherweise nicht über den Weg, sondern direkt in den Wald hinein. Im Gegensatz zur ersten Wildsichtung rutschte mir hier kurz das Herz ein Stück Richtung Hose. Wir blieben einen Moment still stehen um sicher zu gehen, dass die Luft rein ist. Dann fuhren wir weiter. Die Kneipe hatte geöffnet und so konnten wir warm zu Abend speisen, bevor wir etwa eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang unseren Gipfel erklommen. Mit dem erhofften Sonnenuntergang wurde es leider nichts, zu viele Wolken versperrten uns die Sicht. Dafür gab es unterhalb des Gipfels andere Schauspiele. Eine kleine Gruppe Wanderer kam durchs Unterholz den Hang hinaufgekrochen und ließ sich in deutlicher Hör- und Sichtweite etwa 200 m von uns entfernt im lichten Wald zum Nachtlager und Feuer nieder. Der Gipfel mit toller Aussicht und schönen Felsen schien sie nicht zu interessieren. Wir schlugen derweil ebenfalls unser Nachtlager auf und zündeten uns ein Feuerchen an. Bis nach Mitternacht saßen wir da. Fotografierten, stierten Löcher in die Flammen, plauderten, tranken geistige Getränke von schottischen Inseln und schwelgten so vor uns hin.

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Glimmer in the Rocks… (Bild auf Flickr)

Kurz nachdem wir uns in die Schlafsäcke verkrochen hatten, fing es entgegen der Vorhersage tatsächlich zu tröpfeln an. Nur sehr schwach. Ich dachte erst, es wäre zu schwach um dem Schlafsack was anhaben können. Redete mir ein, dass es gleich aufhören würde. Dann wurden die Tropfen größer und forderten etwas Improvisation. Ich zog die Baumarktplane unter mir hervor, die ich immer zum Schutz vor Schmutz als Unterlage dabei habe, und deckte uns damit zu. Das tröpfeln hörte bald wieder auf und die Nacht nahm ihren Lauf.
Der Morgen grüßte uns leider nicht mit einem Sonnenaufgang, sondern mit dichtem Nebel. Wie angekündigt. Das Feuer war leider restlos erloschen. Keine Glut übrig. Also wurden die morgendlichen Heißgetränke mit dem Spirituskocher bereitet. Klappstullen komplettierten das Frühstück.

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Noch einmal umdrehen… (Bild auf Flickr)

Bis wir zusammengepackt hatten, war der Nebel verzogen und die Sonne schien. Es war ein entspannter Vormittag. Die Gruppe Wanderer hatte auch heute kein Interesse am Gipfel und zog wieder talwärts davon.

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Noch ein kurzes Sonnenbad vorm Aufbruch (Bild auf Flickr)

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Birkenspanner auf Abwegen im Teplizer Quarzporphyr (Bild auf Flickr)

Und so machten wir uns auf den Weg zur Talsperre Flaje, wo wir die Wasservorräte auffüllten, Flora und Fauna bewunderten und die Überreste des ehemaligen Ortes begutachteten, der in den 50er Jahren dem Stausee weichen musste.

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Vochel (Bild auf Flickr)

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Armin ärgerte sich arg darüber, sein Amphibienfahrrad zu Hause vergessen zu haben (Bild auf Flickr)

Von der Staumauer aus ging es an der Neugrabenflöße bis zum Grenzübergang bei Holzhau. Der Weg war zwar Flößergraben-typisch weitestgehend eben, kostete aber dank reichlich Wurzeln dennoch ordentlich Körner.

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Neugrabenflöße (Bild auf Flickr)

So mussten wir danach zusehen, voranzukommen, wollten wir doch nicht allzu spät wieder im Zug sitzen. Vom Torfhaus nach Moldava erwischten wir durch freie Improvisation mit der Landkarte einen sehr schönen Fahrweg auf tschechischer Seite. Es ging mit herrlicher Aussicht über seichte Hügel mit Feldern, vereinzelt flankiert von einsiedlerisch anmutenden Ruinen vergangener Eigenheime.
Ab Moldava war die Sache geritzt. Vorbei am Totempfahl zur grünen Grenze und von hinten auf den Kahleberg. Da wir noch über eine Stunde Zeit bis zum nächsten Zug hatten, mussten wir uns nicht mit der spaßigen Abfahrt nach Altenberg zufrieden geben, sondern konnten noch etwas mehr potentielle Energie einlösen und bis Geising ausrollen. Die Beine waren schon recht schwer und so ließen wir den Gipfel des Geisingberges links liegen, um auf halber Höhe in die schnelle Abfahrt einzusteigen. Im Café am Bahnhof gab es noch etwas Kuchen zum Abschluss bevor wir zufrieden mit dem Zug zurück nach Dresden rollten.

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Das Ministerium für Pausenkultur (Bild auf Flickr)

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